#1 RE: keep your distance! von Caja 10.04.2006 05:50

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“Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; sodass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie er am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Inneren entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen."

(Arthur Schopenhauer (1788 – 1860Parerga und Paralipomena II, §396)

#2 RE: keep your distance! von Jee 10.04.2006 20:44

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Es hat was, sich in einem warmen Nest einzuigeln.

Die Gefahr dabei ist, sich in die Nähe von Mitleidsethik zu begeben, hinein zu geraten und in der inneren Wärme zu ersticken.
"Keep your distance!" erweitere ich zu: "Achte meine Grenzen, damit ich deine sehen kann".

#3 RE: keep your distance! von Caja 10.04.2006 22:03

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Mitleidsethik

Als Mitleidsethik bezeichnet man ethische Theorien (Ethik oder Moralphilosophie befasst sich mit Aussagen über moralische Werte und moralische Handlungsnormen), die das menschliche Gefühl des Mitleids als zentrales ethisches Kriterium heranziehen.

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Wenn das Mitleid nicht nur als Gefühl des Akteurs betrachtet, sondern - wie bei Schopenhauer - mit der Aufnahme des Leidens anderer in Verbindung gebracht wird, sind auch pathozentrische Positionen (auch zu Tieren) möglich.

#4 RE: keep your distance! von HansJuergen 11.04.2006 21:57

Mitleid(en) als moralischer Wert, Regina, halte ich für eine Gradwanderung zwischen der Aufnahme des Leides Anderer und des sich reflektierenden, danach oft verstärkenden eigenen Leides.

Aus der Sicht der Achtsamkeit ergibt sich für mich anstelle des Mitleids die Leidminderung.

Damit stimme ich mit Dir und mit der pathozentrischer Ethik überein, als artübergreifende Ethik, die Leiden vermeiden will.

[ Editiert von HansJuergen am 11.04.06 22:03 ]

#5 RE: keep your distance! von Judith7 12.04.2006 13:22

Wollen wir uns mit der anthropozentrische Position I. Kants einverstanden erklären, der die grausame Behandlung von Tieren für eine Verletzung der Menschenpflicht gegen sich selber hält, weil durch die Abstumpfung Moralität geschwächt bzw. zerstört wird?

#6 RE: keep your distance! von Caja 12.04.2006 22:00

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Jürgen, mitleiden ist wie Du schreibst, wirklich eine Gratwanderung und selbst sehr gefestigte, in sich ruhende Menschen haben oft das Problem, die Balance zu halten. Mitfühlen kann Leid mindern und ist gewiss für beide Seiten ein richtigerer Weg, der aus der Achtsamkeit sich erschließt und jedem ausreichend Distanz gibt, um Leiden nicht zu potenzieren bzw. den Mitfühlenden nicht ebenfalls zum Leidenden wandelt.

Judith, jede grausame Handlung des Menschen gegen ein anderes Wesen ist letztendlich eine Grausamkeit gegen den Mensch selbst. Schlicht ausgedrückt, alles fällt auf den zurück, von dem es kommt. Der Mensch als momentan letztes Glied innerhalb der Evolution, hätte die Pflicht sich, seine Art zu schützen, wie Tiere es instinktiv tun. Realität ist aber, dass er auf dem Weg ist, sich über jegliche Moral hinwegzusetzen. Wir können nichts anderes tun, als unsere Wertevorstellungen zu leben und somit vielleicht deren Verfall zu verlangsamen, von aufhalten will ich gar nicht schreiben.

Lieber Gruß
Caja

#7 RE: keep your distance! von Jee 13.04.2006 16:49

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Jutta, ich stimme Reginas Antwort zu Deiner Frage vollends zu.

Ich habe allerdings grundsätzlich ein Problem mit dem Anthropozentrismus. Den Menschen in den Mittelpunkt unserer Welt zu stellen halte ich schlichtweg für falsch und zudem für brandgefährlich. Die Auswirkungen kennen wir. Hier wird seine Bedeutung ausnahmslos überbewertet und erinnert mich an Galilei, der bis zu seinem Tode ein Gefangener der Inquisition war, weil er widerlegen konnte, dass die Erde der Mittelpunkt im Universum ist.


Regina, ich bin kein „Schopianer“ und habe Schopenhauer auch nur gestreift, als ich las, dass es bei ihm Einflüsse des Buddhismus geben soll. Er hat sich jedoch nur in kleinsten Ausschnitten des Buddhismus festgehalten, wie z.B. „Leben ist Leiden“ und verstieg sich zu „Erkenntnis ist keine Erlösung“.
Nichts von dem was ich las konnte mein Optimismus beeinträchtigen. Die tiefe Erkenntnis, dass z.B. Leid und Freude zum Leben gehört, kann schon Erlösung sein. Deshalb habe ich mich der Achtsamkeit verschrieben, die für mich allumfassend ist.

[ Editiert von Administrator Jee am 13.04.06 17:04 ]

#8 RE: keep your distance! von Gast 13.04.2006 18:30

Jürgen, ich stimme Reginas Antwort auch vollkommen zu. Meine Frage war provokant, sorry.
Als Christin bin ich christozentrisch eingestellt und sehe darum auch den Menschen im Mittelpunkt, allerdings mit großer Achtsamkeit darauf, daß er die Verantwortung für die Welt, für die Schöpfung übertragen bekommen hat. Daß er seiner Aufgabe ganz und gar nicht gerecht wird, ist mir nicht entgangen, doch gebe ich die Hoffnung nicht auf.

#9 RE: keep your distance! von Birgit 04.06.2006 09:14

Ich finde die Geschichte mit den Stachelschweine Klasse.
Ab dem 2. Absatz beweist sie sich sogar umgehend selbst und reibt mit ihren Stacheln an der Phantasie des Lesers.

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